«Der Engel Rapp, der die freudige Botschaft bringe!»
Die Verbreitung eines «Verfassungsentwurfs» im Knonauer Amt (Juni 1803)
Rolf Graber
Krise der Helvetischen Republik: Machtkämpfe und Staatsstreiche
Ein knappes Jahr nach der Ausrufung der neuen Verfassung vom 12. April 1798 gerät die Helvetische Republik in eine schwere Krise. Mit dem Ausbruch des zweiten Koalitionskrieges im März 1799 wird sie zum Kriegsschauplatz der europäischen Grossmächte mit längerfristigen schwerwiegenden politischen und ökonomischen Auswirkungen. Zudem wird der neue Staat durch innere Machtkämpfe erschüttert. Unterschiedliche Erwartungen an die neue Ordnung führen zu Parteibildungen. Träger des neuen Staates und Befürworter der neuen Ordnung sind die bürgerlich- gemässigten Republikaner und die radikaleren Patrioten. Weil sie einen helvetischen Einheitsstaat befürworten, werden sie auch Unitarier genannt. Ihnen stehen die Gegner des neuen Staats gegenüber. Diese sind an der Wiederherstellung der alten Ordnung und der Restauration der Partikulargewalten interessiert, deshalb werden sie als Föderalisten bezeichnet. Die Machtkämpfe zwischen den politischen Gruppierungen führen im Zeitraum von Januar 1800 bis zum April 1803 zu vier Staatsstreichen. Dadurch wird die ursprüngliche Verfassung immer wieder modifiziert, indem die jeweils siegreiche Gruppierung oder die Besatzungsmacht Frankreich versuchen, ihre politischen Interessen durchzusetzen und die breite Bevölkerung für ihre Vorstellungen einer Neugestaltung der Schweiz zu gewinnen.
Consulta: Vermittlungsversuch Napoleons
Als die Konflikte zwischen Föderalisten und Unitariern im Herbst 1803 immer mehr eskalieren und schliesslich bürgerkriegsähnliche Formen annehmen, entschliesst sich Napoleon, direkt ins Geschehen einzugreifen. Er beordert 63 Deputierte nach Paris (Consulta) und präsentiert diesen einen aus 15 Artikeln bestehenden Vermittlungsvorschlag, die spätere Mediationsverfassung. Weil Napoleons Verfassungstext nur die Leitlinien enthält, können die Aristokraten ihre Anliegen auf dem Gesetzgebungsweg durchsetzen und die reaktionären Kräfte gewinnen wieder die Oberhand. Der Kampf um eine neue Ordnung wird auch mit publizistischen Mitteln geführt, die Spuren hinterlassen haben. Ein Beispiel ist ein «Verfassungsentwurf» der im «Knonauer Amt», einem Zürcher Grenzgebiet zum Aargau kursiert, und die Aufmerksamkeit der Obrigkeit erregt.
Der «wichtige Engel Rapp». Verbreitung eines Verfassungsentwurfs
Am 20. Juni 1803 macht der Amts Schultheiss und Präsident des Staatsrats des Kantons Bern die «getreuen Lieben Bundesgenossen» der Zürcher Regierung «auf die absichtlich ausgestreuten, eben so ungereimten, als falschen Gerüchte über bevorstehende Regierungs Veränderungen (und) unentgeltliche Abschaffung der Zehnden und Bodenzinse aufmerksam, womit «nicht nur die abgenuztesten Lügen und Blendwerke noch immer beim Volk Eingang finden, sondern dass eine unverbesserliche Classe nichts würdiger Menschen nicht aufhört, ihren wüthenden Hass gegen alle gesellschaftliche Ordnung auszuspeyen.» Schon fünf Tage später bestätigt sich diese Meldung durch den Hinweis eines Vollziehungsbeamten: Bezirksstatthalter Frick berichtet über einen Verfassungsentwurf, der im Freiamt im Umlauf sei und angeblich vom Französischen General Rapp herrühre. Die rasche Entdeckung «der Ausstreuungen aller Arten, welche auf die Zerstörung des gegenwärtigen politischen Systems sowohl als auch die Entlassung der Mitglieder der verschiedenen Regierungen ehemaliger aristokratischer Kantone abzwecken», ist das Resultat einer intensivierten Überwachung der Landbevölkerung. Die später zu diesen Aktivitäten aufgenommen Verhöre ermöglichen eine Rekonstruktion des Ereignisablaufs und der Verbreitungskanäle des Verfassungsentwurfs. Beteiligt sind anfänglich Exponenten der entmachteten ländlichen Führungsschicht und Patriotenpartei: alt Statthalter Haug in Ottenbach hat die «bedenkliche Nachricht» aus Bern erhalten und den Brief dem ehemaligen Distriktsrichter Frey vorgelesen. Dieser hat die Informationen an alt Gerichtsschreiber Syz weitergegeben, der sie in Form von Artikeln zusammenfasst und einzelne Exemplare an Grossrat Kleiner und Jakob Kleiner, genannt Knab von Mettmenstetten, weitergibt. Diese sorgen teils durch schriftliche, teils durch mündliche Bekanntmachung für eine weitere Verbreitung. Darum zirkulieren verschiedene Versionen des Schriftstücks, deren quellenkritischer Vergleich sehr aufschlussreich ist. Die Rezeption durch den Kopisten und die Interpretation einzelner Textstellen verschaffen einen Einblick in die Vorstellungswelt der unteren Bevölkerungsschichten. Eine Schlüsselfigur ist der Fallit Jakob Kleiner aus Mettmenstetten. Er hat ebenfalls einige Kopien verfertigt und die Exemplare an Lismer Huber, Fahrknecht Lier und Wirt Hofstätter weitergegeben, dessen Wirtshaus zum Zentrum eingehender Diskussionen über die eingetroffenen Neuigkeiten wird. Mit einem Lismer, (gemeint ist vermutlich ein Strumpfstricker, da dieses Gewerbe im Knonauer Amt verbreitet ist) und einem Fuhrknecht (Holzfuhren kommen in diesem Gebiet häufig vor) sind auch die Unterschichten ins Geschehen involviert.
Die Verfassung aus der Perspektive der «kleinen Leute»
Am Ende der sprachlich unbeholfenen Abschrift von Jakob Kleiner findet sich die Bemerkung, dass ihm «einige Artikel entfallen seyen.» Das verweist auf eine selektive Wahrnehmung des Textes. Interessant ist seine Auswahl, denn von den in einer anderen Fassung enthaltenen elf Artikeln sind in Kleiners Abschrift lediglich vier zu finden. Als Kopfzeile figurieren die beiden Begriffe «Freiheit und Gleichheit», die auch die amtlichen Dokumente der Helvetischen Republik einleiten und durch ihre besonderen Konnotationen bei den Unterschichten Hoffnungen auf soziale Veränderungen auslösen. Anschliessend wird Artikel 1 vollständig wiedergegeben: «Die Regierungen der aristokratischen Cantone lösen sich auf, und bilden eine Centeral Regierung, die von dem volck gewelt, und hat ihren Siz unter dem Schuz (von) Fränkischem Miliair. Die Wiederherstellung einer Einheitsrepublik, die Volkswahl der Regierung, und die Hoffnung auf die Rückkehr helvetischer Zustände sind für den Kopisten so wichtig, dass er diesen Abschnitt vollständig wiedergibt. Als Initianten dieser Wende sieht er die Franzosen. Das wird noch deutlicher, wenn er in einer Anmerkung vom «Wichtigen Engel Rapp» spricht, (gemeint ist der französische General Jean Rapp) der die «freudige bottschaft bring(e).» Eine besondere Bedeutung hat für ihn noch Artikel 5 des Originals: «Der Zehenden wird als eine Last abgeschaft», heisst es lapidar. In Zusammenhang mit der Zehntfrage findet nur noch der Artikel 8 über die Besoldung des Pfarrers Erwähnung. Nach dem betreffenden Artikel soll dieser «ein fixes ein Kommen nach der Locallitet ihre(r) Gemeinden und beruffs Geschäften erhalten.» Interessant ist noch eine Bemerkung Kleiners zu den Landsgemeindeorten. Er betont, dass die «Democratischen Cantone mit Ihren Alten Freyheiten für sich bleiben (können), bis Sie ihre blös ein Sehen werden.» Diese versöhnliche Haltung gegenüber den Landsgemeindeorten hat damit zu tun, dass die Landsgemeinde als politisches Referenzmodell in der Spätphase der Helvetik und zu Beginn der Mediationszeit grosse Attraktivität besitzt. In den Quellen ist sogar von «Landgemeinde-Wuth» und «Landsgemeinde- Fieber» der unteren Gesellschaftsschichten die Rede: Dies hat zwei Gründe. Die «Democratischen Cantone» kennen keine Zehntabgaben und stehen für grössere politische Partizipationsmöglichkeiten als das Repräsentativsystem der Helvetischen Republik. Die mit der Verbreitung des Verfassungsentwurfs verbundenen Erwartungen gehen jedoch nicht in Erfüllung. Im Gegenteil, die Aktion hat für die Beteiligten strafrechtliche Konsequenzen. Jakob Kleiner genannt Knab, den eifrigen Kopisten und Verteiler des Verfassungsentwurfs, trifft die Repression besonders hart. Im Urteil heisst es: «Da er als Fallit, des Activ Bürgerrechts schon verlustig auch aus diesem Grund keine Straffe weder an der Ehre noch Geld gegen ih(n) Platz findet, soll (er) neben seinem ausgestandenen Verhaft zwey Jahre lang in das hiesige Zuchthaus verwahrt und daselbst im inneren zu gewöhnlicher Arbeit angehalten werden.» Figuren wie Jakob Kleiner sind besonderes exponiert, denn sie bilden das Bindeglied zwischen beteiligten Repräsentanten der helvetisch gesinnten dörflichen Ober- und Mittelschicht und den Unterschichten. Indem die Regierung solche Schlüsselfiguren aus dem Verkehr zieht, trifft sie auch die Kommunikationsstrukturen einer plebejischen Öffentlichkeit. Das Bedrohungspotential dieser plebejischen Öffentlichkeit und plebejischen Kultur bleibt allerdings bestehen. Etwa ein halbes Jahr nach diesem Ereignis kommt es auf der Zürcher Landschaft zu einem Volksaufstand, bei dem die plebejischen Schichten wieder als Hauptakteure auftreten. Er wird nach dem Hauptaustragungsort der bewaffneten Kämpfe auch «Bockenkrieg» genannt.
Verwendete und weiterführende Literatur:
Rolf Graber, Zeit des Teilens. Volksbewegungen und Volksunruhen auf der Zürcher Landschaft 1794-1804, Zürich 2003.
Rolf Graber, Helvetische Verfassung und Unterschichten: eine Spurensuche. Die Verbreitung eines «Constitutionsentwurfs» im Knonauer Amt durch Fallit Jakob Kleiner, Lismer Huber und Fahrknecht Lier, in: Menschenrechte und moderne Verfassung. Die Schweiz im Übergang zum 19. Jahrhundert. Akten des Kolloquiums an der Universität Freiburg/Schweiz, hrsg. Von Silvia Arlettaz, René Pahud de Mortanges, Daniel Tröhler, Andreas Würgler, Simone Zurbuchen, Genève 2012, S. 335-352.